Jürgen von der Lippe.


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Das Märchen von der Schraube

3-1979 EXTRA DREI
T+M: Hans-Jürgen Dohrenkamp/Wendelin Haverkamp/Ulrich Pesch
V: Liedermacher Musikverlag, Berlin
Vorwort: Hans-Jürgen Dohrenkamp



Vorwort:
(...) Das nun Folgende ist nur ein kleines schlichtes Liedelein ... Da geht
es nicht um komplizierte Maschinen, sondern um einfache Maschinenteile,
und das ist das Märchen von der Öse und der Schraube, und es spielt im
Maschinenraum eines alten Binnenschiffes, und entwicklungspsychologisch
gesehen behandelt das Lied die wichtigste Phase im Leben einer jeden jungen
Schraube – die Pubertät, das Aufknospen der eigenen Geschlechtlichkeit, das
Entdecken des eigenen sowie des ersten Fremdkörpers - aber das Lied bleibt
natürlich keinesfalls in den feuchten Niederungen dumpfer Begierde stecken,
nein, es wird am Ende der Dialog mit dem Schöpfer gesucht – und gefunden.
Das Lied gewinnt also eine durchaus metaphysische, eine religiöse Dimension;
na ja, ein Märchen ...


Auf einem alten Binnenkutter
sprach eine Schraube sinnend: Mutter,
sag mir, wer mein Vater ist.
Die Mutter wispert leise: Pssst.
Dein Vater war ein Bolzen stramm,
ein guter alter Mannesmann.
Als man ihn aus der Schachtel klaubte
und gut geölt mit mir verschraubte,
ihn in mein Gewinde wühlte,
was glaubst Du, Kind, was ich da fühlte?
Der Schraube Neugier wurde wach,
sie sprach: Hätt ich doch Flügel, ach.
Ich könnt zu fremden Kuttern fliegen
und gucken, wo die Muttern liegen.
Kaum gedacht, schon wurde es wahr,
dem Schräuble wuchs ein Flügelpaar.
Es macht sich auf die weite Reise,
so sacht und doch so leise.
Sie flog direkt nach Engeland,
wo sie auch ´ne kleine Öse fand.
Es war ´ne Öse bald wie ein Bild,
der Schraube nichts, er war wie wild,
und er schraubte mit Getöse
sich in die arme, arme Öse.
Zu unserm Herrgott sprach da die Öse:
O lieber Gott, komm nimm und löse
Sie aus mir raus diese schreckliche Schraube,
damit ich an Dich glaube.
Gott sprach: Ihr bleibt, damit Ihr wisst,
wie das mit der Ehe ist,
zusammen, bis der Rost Euch frisst.


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