Jürgen von der Lippe.


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Willy und das Himmelreich

1-1977 Sing was Süsses
6-1980 Aus dem Gröbsten raus !
T+M: Hans-Jürgen Dohrenkamp
V: Sinus Musikverlag Hans Ulrich Weigel GmbH



Willys Umwelt war so ein Dörfchen im Gebirge, wo der Pfarrer die Dinge lenkt.
Wo sonntags sich alles in die Kirche und dann in die Kneipe drängt.
Und das stank Willy.
Er war so ein Junge, der, wenn die Mama ihn sonntags
mit in die Kirche nahm und dort stundenlang betete,
den Blick starr auf das Ewige Licht geheftet,
nach einer Weile fragte:
„Mama, wenn Grün kommt, gehen wir aber, nich?“
Er hatte überhaupt nur Unsinn im Kopf.
So kippte er mal an einem Weißen Sonntag Tinte ins Weihwasserbecken,
und die Mädchen in den weißen Kleidchen sahen nachher
ziemlich dämlich aus mit all den blauen Flecken.
Erwähnenswert auch die Knallfrosch-Aktion
in des heiligen Antonius’ Opferstock.
Der Heilige kam ins Schwimmen und kriegte einen Sprung
und 17 alte Omas einen Schock.
Und der alte Lehrer des Knaben Willy war mal mit ´ner Klosterfrau liiert.
Und seit jenem Sündenfall war der fromme Mensch auf religiöse Motive fixiert.
Trug ausschließlich schwarze Anzüge zu einem weißen langen Gesicht
und sprach eines Morgens:
„So, meine Buben, nun malt mir mal das Jüngste Gericht.“
Willy pinselte wie der Leibhaftige und glatt am Thema vorbei.
Der Lehrer stieß beim Anblick des Machwerks hervor:
„Ja, das ist ja wohl ´ne Sauerei!“
Denn da benutzten Teile der himmlischen Heerscharen Wasserwerfer
und Tränengas gegen demonstrierende Engel mit Transparenten,
auf denen man folgendes las:
„Wir wollen lieber Pop und kein Hosianna,
und gebt uns lieber Bier statt Manna!“
Oben links in der Ecke des Bildes besoffen sich Kain und Abel,
weiter unten ein zünftiges Richtfest, offensichtlich beim Turmbau zu Babel.
Und der Heilige Geist mit Maria und Gatte spielte hingebungsvoll Blinde Kuh
und der stark überschätzte Keusche Josef machte sich gerade die Hose zu.
Und in der Mitte vom Bild verpasste der Alte seinem Sohn eine kräftige Tracht.
Aber der absolute Knüller war wohl das Bordfest auf Noahs Yacht.
Denn da paarten sich alle erdenklichen Tiere, sei es Nilpferd, sei es Strauß,
aber die 168 Kaninchen schlugen dem Fass den Boden aus.
Man verwies Willy sofort der Anstalt.
Das war zwar hart, soll aber keineswegs heißen, dass alle christdemokratischen
Zeichenlehrer prinzipiell auf die künstlerische Freiheit ... geringschätzig
herabsehen, denn irgendwo hatte der Mann doch auch Recht:
Willy war doch wirklich nicht ganz echt.
Und wenn nun so ein Mensch vor deiner Tür klopfend stünde –
Ja, das beste ist, du öffnest die Tür, schlägst ein Kreuz und sagst:
„Abage satana!“
Das ist griechisch und heißt soviel wie „Nein, wir kaufen nichts!“
Und dann die Tür schnell wieder zu. Halleluja, halleluja, hähähä
Willy starb früh vor lauter Bosheit und alle halfen gerne dabei.
Selbst der alte Pfarrer kam, nahm ihm seinen Löffel ab,
und dann war es mit ihm vorbei.
Willy fuhr gen Himmel auf und klopfte widerwillig an das gold’ne Tor.
Und ein Typ machte auf und sagte: „Tach, ich bin der Petrus!“
Doch er kam ihm mehr wie Alfred Tetzlaff vor.
Willy trat ein, sah sich um und schrie:
„Ich glaub, ich steh im Spargel, ich will hier raus!“
Denn im Himmel sah es noch viel schlimmer als auf seiner Zeichnung aus.


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