Jürgen von der Lippe.


Homepage Jürgen Jürgens Termine. Infos Texte Gästebuch Souvenirs Links zu Jürgen v. d. Lippe.
Ich bin dreißig

3-1979 EXTRA DREI
7-1981 STAR MAGAZIN
T+M: Hans-Jürgen Dohrenkamp; V: Liedermacher Musikverlag, Berlin



Ja, nun wenden wir uns einem Problem zu, das, äh,
nachdem ich mal so hier um mich geguckt habe,
doch einige unter Ihnen auch betrifft; es ist das Altern ... (...)
Man flüchtet sich blindlings in irgendwelche körperlichen Betätigungen, Sport,
nich. Tennis ist ja Volkssport geworden jetzt. Kauft man sich für’n halbes
Monatsgehalt ´ne Trainerstunde, kommt man zurück, woll’n die Bekannten
natürlich wissen: Sag mal, wie war’s denn? „HAH“, sagt man, „dann hab ich da
gestanden, ganz in Weiß auf der roten Tartanbahn, und das Gehirn signalisiert:
Ran ans Netz, Vorhand, Rückhand, Ball töten, zurück an die Grundlinie, ...
... Signalisiert alles das Hirn ... Und dann sagt der alte Körper:
Was? ... Ich? ... Unsinn!“
Ja, und darum geht es so nun im Eigentlichen im folgenden Lied:


Im Alter wird man wunderlich, das weiß schon jedes Kind,
und sag ich was, dann heißt es nur: „Hör gar nicht hin, der spinnt!“
Sämtliche Funktionen hauen nicht mehr richtig hin,
Seh- und Hörkraft, und die Haare werden dünn.
Gedächtnis- und Gebisslücken erkennt man daran,
dass man Dinge weder kauen noch behalten kann.
Früher vergiftete man häufig die Tauben,
seit es Hörgeräte gibt, ist das vorbei.
Und es leben ja immer noch manche in dem Glauben,
dass ´ne Taube auch besonders geistreich sei.


Doch ich bin 30, mir traut sowieso kein Mensch
was zu und übern Weg wohl auch nicht mehr.
Fürs Altersheim zu jung und für die Bundeswehr – na ja,
ach, wenn ich noch mal 29 wär, oho


Ich les auch wieder Märchen, dieselben wie als Kind,
weil Märchen viel brutaler als die schärfsten Pornos sind.
Wo ein Königskind es mit ´nem Frosch und sieben Zwergen treibt,
und die böse alte Schwiegermutter auf der Strecke bleibt.
Ich klau auch wieder Schnaps wie früher im Laden nebenan,
verkauf ihn günstig – und das Geld versauf ich dann.
Letztens fand ich ein Portemonnaie mit etwas drin,
leider Gottes war ich nicht allein.
Der andre sagt: „Sag mal, das willst Du doch abgeben, oder?“
Ich sage: „Wenn ich ehrlich bin ... nein!“


Denn ich bin 30, mir traut sowieso kein Mensch
was zu und übern Weg wohl auch nicht mehr.
Fürs Altersheim zu arm und für die Bundeswehr zu weich,
ach, wenn ich noch mal 29 wär, oho


Ich bin halt etwas wunderlich, hab weder Weib noch Kind,
weil, wenn ich welche will, dann heißt es nur, och Gott, der spinnt.
Früher konnt ich jeder im Nu den Kopf verdrehn,
heute auch – die gucken immer weg, wenn se mich sehn.
Was ich nich schon probiert hab, das spottet jeder Norm,
gute Worte, Tränen und am Ende Chloroform ...
Ist die Bude wirklich zu, ist der Affe denn schon tot,
jede Seemannsbraut träumt vom eignen Heim.
Und es hat nicht jeder Greis, der noch wandeln kann, Lust,
ein lustloser Lustgreis zu sein!


Doch ich bin 30, mich traut keiner mehr
was zu und sich auch keine zu mir rein.
Und wenn, dann würde ich mich – und dem Braten auch - nicht trau’n
Man müsste noch mal 29 sein! Ohow, how, how!


Zurück zur Textübersicht